01.06.2026 | Erinnerungen ans Kriegsende 1946 in Egenhausen


Jeweils im April erinnert man sich in Egenhausen an den sogenannten „Einmarsch“ in unseren Ort. Zuvor war aber allerhand los. Vom Rheintal her hörte man Kanonendonner. Über der Bahnlinie FDS-Dornstetten-Eutingen kreisten JABOs, (Jagdbomber) und griffen das Viadukt bei Aach an. Die Bahnbrücke bei Grünmettsteten haben sie schon erheblich beschädigt. Auch die Flugwacht auf unserem Kapf haben sie angegeriffen. Aber zum Glück nicht getroffen. Der JABO kam über den Wald am Haidloch fast lautlos angepfiffen und schon knallte es. Auf dem Kapf gab es eine Besatzung bestehend aus 1.Weltkriegssoldaten: Der Schlössleshannes, der Seegermichel, der Strassenwart Chr. Brenner, der Chausseewirt Stickel der Zimmermann Fritz Kalmbach und der Chef, der Bankkaufmann Alfred Kuchler. In einer Senke stand die Baracke für die Bereitschaftshabenden.

Foto: Wilhelm Küstermann / Mannschaftsbaracke


Oben ragte kaum aus dem Fels eine rundumvergelaste Kuppel hervor, aus welcher der Luftraum überwacht werden sollte. Auf der Kapfebene gab es Bunker, Kanonenfundamente und eine Plattform für Leuchtstrahler, dazu mehrere Baracken als Soldatenunterkünfte. Die Offiziersbaracke stand an einem Forchenwäldchen, das ist heute eine Ferienwohnung.

Foto: Wilhelm Küstermann

Erinnerungen denen dramatischere folgten: Hektik brach auf, als der Volkssturm „erfunden“ wurde: Alle Männer, welche nicht an der Front oder anderen Einsätzen waren, wurden verpflichtet sich dieser Organisation anzuschließen. Da gab es keine Ausnahmen, auch Männer welche in ihrem Wehrpass Vermerke wie : „uk“-gestellt, heißt: unabkömmlich, weil sie wichtige Heimataufgaben hatten, z.B. die Landwirtschaft zu bewältigen hatten. Der Stempel: „nkv“ bedeutete: nicht kriegsverwendungsfähig! So einen hatte mein Vater als Vermerk. Er wurde bei seinem Einsatz bei Charkov, dem heutigen Charkiw, in der Ukraine neben einem Granateneinschlag verschüttet und kam ins Lazarett. In Nagold konnte ich ihn besuchen im zum Lazarett umfunktionierten Seminargebäude. Dann wurde er in einem „Rüstungsbetrieb“, seiner ehemaligen Arbeitsstätte der Möbelfabrik Bauer eingesetzt. Dort produzierte man Flugzeugteile für die Flugzeugfabrik Klemm in Böblingen. Mein späterer Geselle in diesem Betrieb, Paul Dressle aus Spielberg erzählte von „Bombenklappen“. In der Plattenpresse wurden mit dem übelriechenden Kauritleim die Sperrholzfurniere in einer Modellgrundlage auf Form gepresst.

Der Volkssturm wurde mit ausgedienten Karabinern bewaffnet. Er wurde eingesetzt zum „Panzersperrenbau“ aus Holz. Dazu wurden stabile Baumstämme einen guten Meter tief, paarweise mit etwas Abstand in den Boden verankert. Dasselbe auf der anderen Straßenseite. In die wenigen cm-Abstände legte man quer über die Straße dicke Stämme aus dem Tannenwald. Das sollte die anrollenden Panzer stoppen! Aber diese hielten sich nicht daran auf, fuhren keck einfach drum herum.So kamen sie über die Felder angeprescht.

Von wegen „Einmarsch“. Das war „gefahren“ mit gewaltiger Kraft.

Wir, d.h. mein Vater und ich und ein Mann, ebenfalls kriegsversehrt, welcher mit seiner Familie bei uns zur Miete wohnte, standen vor der Tür der Werkstatt, auf der Ebene des Schutzkellers im Rückraum und blickten Richtung Spielberg von wo die damaligen Feinde erwartet wurden. Plötzlich schrie mein Vater: „rein,rein, dort kommen sie“, denn gegenüber dem Bömbachtal rauschte ein riesiger Panzer an. Direkt darauf knatterten schon Geschoßsalven übers Haus. Sie galten den flüchtenden Soldaten, welche ihre unterhalb vom Schlösslesbuckel ihre in den Graben gesteuerte Kanone verlassen hatten und ohne Deckung den Kapfhang hinauf ihr Heil suchten.

Foto: Wilhelm Küstermann


Auf dem gleichen Fluchtweg befand sich Alfred Kuchler. Er als Kommandant der „Flugwacht“ auf dem Kapf war kurz zu Hause in der Sommerstraße, in welcher seine Frau einen Gemischtwarenladen betrieb. Als es schon brannte, schnappte, er sein Fahrrad, kam aber nur in der Stauchgass bis zur kaputten Kanone und floh mit den jungen Soldaten den Schlösslesbuckel hinauf. Aber er war eben älter und die Puste ging aus. Schnell in den Geräteschuppen im Schlössle versteckt, das Fahrrad aber sichtbar liegengelassen wurde er bald entdeckt. Möglicherweise wurde er schon früh beobachtet. Der kleine Emil war sehr naseweiß und konnte aus seinem Versteck beobachten, wie der Alfred als Gefangener abgeführt wurde. Dieser kam tatsächlich für längere Zeit nach Frankreich ins Lager. Die jungen Soldaten kamen ein Stück weiter, aber ohne Deckung nur in den Kapfhang. Alle drei wurden getroffen und lagen schwerst verwundet auf der Wiese. Sie wurden dann entdeckt und von der Diakonisse Schwester Anna erstversorgt und mit Tragen der Feuerwehr in den ADLER getragen. Dort wurde ein Notlazarett eingerichtet, allerdings starben alle drei noch am selben Tag. Sie wurden auf dem Egenhauser Friedhof beigesetzt, neben dem Grab von Christian Gauß, welcher auf der Fahrt in den Heimaturlaub im Bähnle des Altensteigerles von Tieffliegern bei Ebhausen beschossen und tödlich getroffen wurde. Als er nach Hause überführt wurde war seine Mutter so überwältigt, dass sie noch am selben Tag gestorben ist. Direkt daneben ein weiteres Grab: der „Schmiedsmichel“, Michael Kalmbach wurde tödlich getroffen, als er zuvor gefangengenommen von einem Panzer geflüchtet ist. Er war mit seinem Motorrad in Haigerloch beim Volkssturm gestartet um frische Wäsche zu holen, dort war der Volkssturm zwischenzeitlich im Einsatz. Erzählt wurde später, dass er dort den Keller unter der Kirche bewachen sollte, das war das Forschungszentrum des Heeres, welches später als „Atomkeller“ bekannt wurde. Er wurde nahe des Heimatortes abgefangen. Auf einem Panzer als Schutzschild festgehalten wagte er in der Nähe seiner Schmiede den Absprung in einen Hinterhof. Aber dem Bordschützen entkam er nicht ! Er wurde niedergestreckt. Wer es irgendwie gesehen hat, war total schockiert. Man rief seinen 16jährigen Sohn Kurt, der brach schluchzend zusammen. Dieser holte ihn nach Hause. Auf unserem Friedhof hat man einen Gedenkstein mit all diesen Namen direkt an der Treppe aufgestellt. Der Panzer, welcher auf den Kapfhang die tödlichen Schüsse abgegeben hat, die erste Kugel fand man später im Dachtrauf steckend, wollte dann ins Bömbachtal fahren, stoppte aber knapp vor dem steilen Hang und fuhr in Richtung derzeitigen ersten Häuser. Küfers Emil, der 10jährige Emil Walz und sein Vater sahen dieses Manöver und flüchteten sich in die alte Werkstatt im Haus. Die wahrscheinlich auf sie gerichteten Schüsse ließen im Schopf über der Faßschmiede den Staub aufwirbeln, welchen die Beiden zunächst als Feuerrauch einordneten. Auf dem echt schmalen Feldweg hinter ihrem Haus knapp an der gegenüberliegenden Stützmauer, presste sich das Ungetüm vorbei Richtung Tal.

Foto: Wilhelm Küstermann


Da hat er ein Kettenfahrzeug der Wehrmacht entdeckt, das Zugfahrzeug der im Graben gelandeten Kanone,welches der Fahrer zwischen zwei Häusern verstecken wollte. Sofort wurde darauf geknallt. Dabei wurde der flüchtende Fahrer getroffen. Dieser schleppte sich verwundet auf die Betonplatte vor den Garagen der Spedition Kirn.

Foto: Wilhelm Küstermann / Stammhaus der Spedition Kirn

Etwas später erlebte der Emil wie eine Nachbarin, Zimmermanns Christele, diesem im Sterben liegenden Soldaten ein Kissen unter den Kopf schob. Das war wieder ein Toter kurz vor Kriegsende.

Meine Familie war zwischenzeitlich im Schutzkeller angekommen, obere und die untere Eingangstüre sperrangelweit geöffnet. Voll Spannung der Dinge harrend, die auf sie zukommen würde. So ein „Luftschutzraum“ wurde bei Kriegsbeginn vorgeschrieben mit Fensterschutz aus dicken Betonklötzen, Luftdrucktüre und Deckenstützen. Plötzlich laute, energische Rufe: „raus da, raus da“! Vorsichtig öffnete mein Vater die Kellertür, hob die Hände hoch, der andere Mann folgte auch mit erhobenen Armen. Der mit einer MP bewaffnete und mit Schußweste und Helm auftredende Militär kam auf sie zu und tastete sie ab. Fragte ob noch mehr Personen da wären. Wir Übrigen schlichen uns ganz vorsichtig aus dem Schutz in den Gang. Da befahl der Soldat: Zurück! Wir gingen zögerlich und etwas aufatmend zurück auf unsere Plätze. Wohl nach einer unruhig verbrachten Nacht wartete man am folgenden Morgen, wie es wohl weitergehen würde.

Auf dem Stauchberg und unten auf der Hauptstraße war reichlich Betrieb. Ein Militär besichtigte unser Wohnung und erklärte das Wohnzimmer für beschlagnahmt. Es war ein Offizier welcher einzog und sein Kommando darin einrichtete. Es war für uns etwas außergewöhnlich, aber wie sich herausstellte sogar etwas vorteilhaft. Vor der Haustüre wurde eine Wache aufgestellt. Die beschützte nicht nur den Offizier sondern auch uns. Da traute sich kein Plünderer zu uns herein. Dieser Offizier beschenkte mich an meinem 12. Geburtstag am 21.April mit einer Tafel Schokolade. Das war meine erste Schokolade. Auf den damals zugeteilten Lebensmittelmarken gab es keine Süßigkeiten. Meine Mutter schlug zwei Eier in die Pfanne, dieser Eierkuchen war obligatorisch.

Im Ort direkt war ebenfalls viel Unruhe. Das gesamte Haus vom „Sattlersteeb“ musste ganz geräumt werden. Darin wurde die „Ortskommandantur“ eingerichtet. Davor eingerichtet Schilderhäuschen mit einem bewaffneten Soldaten davor auf und ab patroulierend.


Die „Adolf-Hitler-Linde“ vor dem Hof zur Kirche stehend, ein markanter Platz, wurde radikal umgesägt. An deren Stelle wurde ein Fahnenmast installiert mit der Trikolore. Als einige Tage später der Christian Walter mit dem Handwägelchen, bepackt mit Reisig und Brennholz zum danebenliegenden Gemeindebackhaus vorbeifuhr, sollte er seine Kappe abnehmen und die Trikolore grüßen. Weil er dies nicht tat, er war schließlich ein aufrechter Deutscher, schlug ihm der Wachhabende die Mütze vom Kopf. Der ansonsten gar nicht erschrockene Christian hob die Mütze auf und ging seines Weges.

Foto: Wilhelm Küstermann

Aber zurück zum 16.April dem sogenannten „Einmarsch„ !


Die Wochen zuvor waren sehr besonders. Außer Kanonendonner und „Jabos“ wälzte sich eine schier unaufhörliche Kolonne an Wehrmachtssoldaten die Straßen durch unseren Ort. Wir am Stauchberg bekamen das auf zwei Strecken zu bemerken. Unten auf der Hauptstraße fuhren die schweren Geräte, Kanonen, Raupenfahrzeuge und Pferdegespanne entlang, den Stauchberg hoch marschierten, oder besser gesagt, schleppte sich das Fußvolk. Soldat um Soldat in ganzen Kolonnen. Als Bub mit knapp 12 Jahren konnte ich nicht verstehen wie ein so „großes“ Heer dem Feind nicht Paroli bieten konnte. Alles strebte Richtung Süden. Die Parole hieß anscheinend, wir sammeln uns in der Alpenfestung. Was das denn bedeuten sollte, fand keine schlüssige Erklärung. Später hörte man sagen, dass die „Dekorierten“ sich in die Alpen flüchteten, manche auf ihre Motorrädern oder dem Heer unterschlagenen Eigenfahrzeugen. Letztendlich konnten sie sich aber doch nicht retten.

Mein Vater holte ein ums andere Mal mit dem Krug seinen Most aus dem Keller und erfuhr dadurch viel Dankbarkeit. Einer dieser Soldaten wollte sich kurz in unserer Küche erholen. Am Tisch sitzend stotterte etwas herum und frug dann plötzlich nach einer Fischerei, welche in dieser Gegend wohl sein müsste. Er habe dort Verwandtschaft. Ich war sofort bereit ihm von der Fischerei im Zinsbachtal zu erzählen. Er wollte wissen, ob das ziemlich nahe sei. Da zeigte ich ihm vom Küchenfenster aus die Richtung: dort hinter Spielberg liegt dieses Tal. Als er wissen wollte, wie man dort hingelangen könnte, erklärte ich ihm, dass man einfach den Feldweg westwärts Richtung Wald gehen müsste, an der Spielberger Ziegelhütte vorbei im Wald hoch und auf der Kuppe rechts haltend am Sportplatz vorbei, runter ins Tal. Ich hatte inzwischen bereits kapiert, dass er dort nicht wegen einem Besuch hinwollte, sondern dass er „abhauen“ wollte. Ich war schon fasziniert, dass er kein Gewehr trug sondern am Koppel eine Pistolentasche hing. Ich spürte so etwas wie, dass der Mann in Not war und sogar Angst hatte. Darum riet ich ihm, an dem kleinen Haus am Waldrand vor dem Hund Vorsicht walten zu lassen und im Inneren des Waldes versuchen, unauffällig vorbeizukommen, und auch an der „Ziegelhütte“ vorbei im Wald zu bleiben und erst weiter ober das Bömbachtal zu queren. Oben müsse er die“Reichsstraße“ queren, dann ins Tal runter. Unten im Tal rechts des Zinsbachs entlang an den zwei Mühlen vorbei bis er an der an einem großen Wasserrad zu erkennenden Kohlsägmühle vorbei fast schon an der Fischerei ankomme. Auch dort gäbe es einen wachsamen Hund, den er beachten sollte. Leider habe ich nie dort nach Kriegsende gefragt, ob dieser Berliner dort angekommen ist.

Autor: Wilhelm Küstermann

Skyline Egenhausen